Read Ebook: Das Marien-Leben by Rilke Rainer Maria
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Ebook has 94 lines and 26380 words, and 2 pages
Rainer Maria Rilke
Das Marien-Leben
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Duino, Januar 1912
Inhalt
Geburt Mari? 7
Die Darstellung Mari? im Tempel 8
Mari? Verk?ndigung 10
Mari? Heimsuchung 11
Argwohn Josephs 12
Verk?ndigung ?ber den Hirten 13
Geburt Christi 15
Rast auf der Flucht in ?gypten 16
Von der Hochzeit zu Kana 17
Vor der Passion 19
Piet? 20
Stillung Mari? mit dem Auferstandenen 21
Vom Tode Mari? 22
Geburt Mari?
O was muss es die Engel gekostet haben, nicht aufzusingen pl?tzlich, wie man aufweint, da sie doch wussten: in dieser Nacht wird dem Knaben die Mutter geboren, dem Einen, der bald erscheint.
Schwingend verschwiegen sie sich und zeigten die Richtung, wo, allein, das Geh?ft lag des Joachim, ach, sie f?hlten in sich und im Raum die reine Verdichtung, aber es durfte keiner nieder zu ihm.
Denn die beiden waren schon so ausser sich vor Getue. Eine Nachbarin kam und klugte und wusste nicht wie, und der Alte, vorsichtig, ging und verhielt das Gemuhe einer dunkelen Kuh. Denn so war es noch nie.
Die Darstellung Mari? im Tempel
Um zu begreifen, wie sie damals war, musst du dich erst an eine Stelle rufen, wo S?ulen in dir wirken; wo du Stufen nachf?hlen kannst; wo Bogen voll Gefahr den Abgrund eines Raumes ?berbr?cken, der in dir blieb, weil er aus solchen St?cken get?rmt war, dass du sie nicht mehr aus dir ausheben kannst: du rissest dich denn ein. Bist du so weit, ist alles in dir Stein, Wand, Aufgang, Durchblick, W?lbung --, so probier, den grossen Vorhang, den du vor dir hast, ein wenig wegzuzerrn mit beiden H?nden: Da gl?nzt es von ganz hohen Gegenst?nden und ?bertrifft dir Atem und Getast. Hinauf, hinab, Palast steht auf Palast, Gel?nder str?men breiter aus Gel?ndern und tauchen oben auf an solchen R?ndern, dass dich, wie du sie siehst, der Schwindel fasst. Dabei macht ein Gew?lk aus R?ucherst?ndern die N?he tr?b; aber das Fernste zielt in dich hinein mit seinen graden Strahlen --, und wenn jetzt Schein aus klaren Flammenschalen auf langsam nahenden Gew?ndern spielt: wie h?ltst du's aus?
Sie aber kam und hob den Blick, um dieses alles anzuschauen. Dann stieg sie ruhig, voller Selbstvertrauen, dem Aufwand zu, der sich verw?hnt verschob: So sehr war alles, was die Menschen bauen, schon ?berwogen von dem Lob
in ihrem Herzen. Von der Lust sich hinzugeben an die innern Zeichen: Die Eltern meinten, sie hinaufzureichen, der Drohende mit der Juwelenbrust empfing sie scheinbar: Doch sie ging durch alle, klein wie sie war, aus jeder Hand hinaus und in ihr Los, das, h?her als die Halle, schon fertig war, und schwerer als das Haus.
Mari? Verk?ndigung
Nicht dass ein Engel eintrat , erschreckte sie. So wenig andre, wenn ein Sonnenstrahl oder der Mond bei Nacht in ihrem Zimmer sich zu schaffen macht, auffahren --, pflegte sie an der Gestalt, in der ein Engel ging, sich zu entr?sten; sie ahnte kaum, dass dieser Aufenthalt m?hsam f?r Engel ist. Nicht, dass er eintrat, aber dass er dicht, der Engel, eines J?nglings Angesicht so zu ihr neigte, dass sein Blick und der, mit dem sie aufsah, so zusammenschlugen, als w?re draussen pl?tzlich alles leer und, was Millionen schauten, trieben, trugen, hineingedr?ngt in sie: nur sie und er; Schaun und Geschautes, Aug und Augenweide sonst nirgends als an dieser Stelle --: sieh, dieses erschreckt. Und sie erschraken beide.
Dann sang der Engel seine Melodie.
Mari? Heimsuchung
Noch erging sie's leicht im Anbeginne, doch im Steigen manchmal ward sie schon ihres wunderbaren Leibes inne, -- und dann stand sie, atmend, auf den hohn
Judenbergen. Aber nicht das Land, ihre F?lle war um sie gebreitet; gehend f?hlte sie: man ?berschreitet nie die Gr?sse, die sie jetzt empfand.
Und es dr?ngte sie, die Hand zu legen auf den andern Leib, der weiter war. Und die Frauen schwankten sich entgegen und ber?hrten sich Gewand und Haar.
Jede, voll von ihrem Heiligtume, sch?tzte sich mit der Gevatterin. Ach der Heiland in ihr war noch Blume, doch den T?ufer in dem Schoss der Muhme riss die Freude schon zum H?pfen hin.
Argwohn Josephs
Und der Engel sprach und gab sich M?h an dem Mann, der seine F?uste ballte: aber siehst du nicht an jeder Falte, dass sie k?hl ist wie die Gottesfr?h.
Doch der andre sah ihn finster an, murmelnd nur: Was hat sie so verwandelt? Doch da schrie der Engel: Zimmermann, merkst du's noch nicht, dass der Herrgott handelt?
Weil du Bretter machst, in deinem Stolze, willst du wirklich den zur Rede stelln, der bescheiden aus dem gleichen Holze Bl?tter treiben macht und Knospen schwelln?
Er begriff. Und wie er jetzt die Blicke, recht erschrocken, zu dem Engel hob war der fort. Da schob er seine dicke M?tze langsam ab. Dann sang er lob.
Verk?ndigung ?ber den Hirten
Seht auf, ihr M?nner. M?nner dort am Feuer, die ihr den grenzenlosen Himmel kennt, Sterndeuter, hierher! Seht, ich bin ein neuer steigender Stern. Mein ganzes Wesen brennt und strahlt so stark und ist so ungeheuer voll Licht, dass mir das tiefe Firmament nicht mehr gen?gt. Lasst meinen Glanz hinein in euer Dasein: o, die dunklen Blicke, die dunklen Herzen, n?chtige Geschicke, die euch erf?llen. Hirten, wie allein bin ich in euch. Auf einmal wird mir Raum. Stauntet ihr nicht: der grosse Brotfruchtbaum warf einen Schatten. Ja, das kam von mir. Ihr Unerschrockenen, o w?sstet ihr, wie jetzt auf eurem schauenden Gesichte die Zukunft scheint. In diesem starken Lichte wird viel geschehen. Euch vertrau ich's, denn ihr seid verschwiegen; euch Gradgl?ubigen redet hier alles. Glut und Regen spricht, der V?gel Zug, der Wind und was ihr seid, keins ?berwiegt und w?chst zur Eitelkeit sich m?stend an. Ihr haltet nicht die Dinge auf im Zwischenraum der Brust, um sie zu qu?len. So wie seine Lust durch einen Engel str?mt, so treibt durch euch das Irdische. Und wenn ein Dorngestr?uch aufflammte pl?tzlich, d?rfte noch aus ihm der Ewige euch rufen, Cherubim, wenn sie geruhten neben eurer Herde einherzuschreiten, wunderten euch nicht: ihr st?rztet euch auf euer Angesicht, betetet an und nenntet dies die Erde.
Doch dieses war. Nun soll ein Neues sein, von dem der Erdkreis ringender sich weitet. Was ist ein D?rnicht uns: Gott f?hlt sich ein in einer Jungfrau Schoss. Ich bin der Schein von ihrer Innigkeit, der euch geleitet.
Geburt Christi
H?ttest du der Einfalt nicht, wie sollte dir geschehn, was jetzt die Nacht erhellt? Sieh, der Gott, der ?ber V?lkern grollte, macht sich mild und kommt in dir zur Welt.
Hast du dir ihn gr?sser vorgestellt?
Was ist Gr?sse? Quer durch alle Masse, die er durchstreicht, geht sein grades Los. Selbst ein Stern hat keine solche Strasse. Siehst du, diese K?nige sind gross,
und sie schleppen dir vor deinen Schoss
Sch?tze, die sie f?r die gr?ssten halten, und du staunst vielleicht bei dieser Gift --: aber schau in deines Tuches Falten, wie er jetzt schon alles ?bertrifft.
Aller Amber, den man weit verschifft,
jeder Goldschmuck und das Luftgew?rze, das sich tr?bend in die Sinne streut: alles dieses war von rascher K?rze, und am Ende hat man es bereut.
Aber : Er erfreut.
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