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Read Ebook: Der Waldbrand by Schefer Leopold

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Ebook has 101 lines and 20409 words, and 3 pages

adurch glaubt' er erst hier sein Geschlecht gesichert, dass aus ihm erstehen soll. Er will nicht der Letzte des alten Geschlechtes sein, sondern gleichsam sein neuer Gr?nder, ein Saatkorn, das endlich sein wahres Klima gefunden zu endlosem -- Wucher!

Eoo f?hlte das tiefste Mitleid mit ihm. Sie sah mich an, als wenn ich unser M?dchen verloren, und hob die sch?nen Augen zum Himmel, ihm dankend, dass wir es gl?cklich besassen!

Da ergriff der Freund jeden von uns an einer Hand und bat: >>das Kind m?sst' ihr mir lassen! Mein Weib ist schon todt.<<

Die Tochter war fort! Aber wie zur Strafe starb unser kleiner Okki -- unser Schutzgeist! denn das bedeutet der Name. Mit seinem Verlust war Eoo's Liebe gebrochen, und die Mutter langte von dem kleinen Grabe zur?ck nach ihrem gebliebenen Kinde, das ihr im Herzen nun wundersam wiederum auferstanden war, und so bald! so begehrt! -- Und es war fort! Sie war wie kinderlos, und sie war es durch mich. Und in der Sehnsucht nach der Tochter verlosch der Schmerz um den kleinen Sohn, den sie nur wenige Monde gekannt und, wie der Seidenwurm um die Knospe, nur wenige F?den der Liebe erst um das kleine Gesch?pf gesponnen, wenige Blicke in das holde Blau seiner Augen versenkt!

F?r solche Ueberwindung belohnte sie endlich der Himmel mit einem neuen Schutzgeist. Der Knabe wurde wiederum Okki genannt, als sei er der Erste, Wiedergeschenkte! Mit Thr?nen ward er begr?sst -- zur Freude wuchs er uns auf. Er war zwei Jahre alt, als die Mutter es nicht mehr ertrug, dass Okki nicht sein Schwesterchen sehe! Alaska nicht den lieblichen Bruder! Nun reisten wir durch den alten jungfr?ulichen Wald.

-- Und unsere Tochter hatte ein Fremder erzogen! --

Die Tochter wankte mit bebenden Knieen ihr nach; der Mutter nach! Aber die F?sse versagten ihr allen Dienst; sie war blass wie ein Engel, und mit ausgestreckten Armen sank sie nach vorw?rts, mit Brust und mit Angesicht in die Blumen.

Eoo's Augen leuchteten. Ihr Gesicht war finster und ernst. -- >>Fort!<< sprach sie nun hastig, >>nun fort!<< und dr?ngte, zu fliehen.

Aber Okki streckte die H?nde nach Alaska. Zu schwach, ihn zu halten, liess ihn die Mutter zur Erde; er lief zu der Schwester.

Die Mutter stand. Alaska richtete sich auf und sass knieend auf ihren Fersen und seufzte: >>Du bist meine Mutter wohl nicht?<< -- Okki wand seine H?ndchen um ihren Hals, die Mutter flog hinzu -- der Vater zu Mutter und Kind, dr?ckte die Geschwister an einander, die Kinder an die Mutter, die Mutter, von den Kindern umfasst, an die Brust -- und wir blieben noch bis in den Mai!

Und diess Feenreich wollte doch jetzt die Natur zerst?ren -- vielleicht ihrem Menschen zu Nutz und Frommen! Was sollt' ich denken? Denn nur durch Gedanken war diese Feuers?ndfluth zu beherrschen, zu deuten, wenn auch der Geist nicht erliegen, erblinden sollte, wie Leib und wie Auge!

Er kam.

Der Rauch, schwerer und schwerer, senkte sich tiefer und tiefer, bis er wie ein Nebel ?ber uns fiel, Alles ausf?llte wie eine Flut und jedem nachwallte, der in ihm schritt. Alles Leben stockte; ein jeder ging m?ssig, und nichts mehr wurde gethan als noch gekocht.

Wir hielten einen Rath. Die Nothglocke erscholl.

Wir versammelten uns auf dem freien Platz vor der Kirche. Die Fremden sassen und ruhten, manche selbst ohne ihre B?rden abzulegen, oder ihre B?ndel aufzumachen. Unsre Weiber und Kinder vertheilten indess still Speise und Trank an die Fl?chtigen. Niemand dankte; so nat?rlich war Geben und Empfangen. Andere schlichen in die ge?ffnete Kirche, den Himmel anzuflehen, und knieten erm?det, sanken hin und schliefen hart und fest.

Ach, es fehlt uns Jemand! seufzte Eoo. Nur das treibt mich fort. Wir f?nden den Tod hier so gut wie da draussen! Wir n?hrten hier die verlassen zur?ckgebliebenen Alten! wir pflegten die Kranken -- o Gott, sie bleiben! Sie bleiben mit sich und mit Gott allein. Doch ich -- ich muss fort!

Als wir nun schieden, trat ich noch einmal dicht an ein Fenster, hielt die H?nde neben das Gesicht wie Scheuleder vor, um nicht geblendet zu sein, und ?bersahe noch fl?chtig das Zimmer, den Aufenthalt von Menschen, die lange darin so gl?cklich gewesen! In der Mitte stand der Tisch von gesprenkeltem Ahorn! am Kamin der verlassene -- Sorgenstuhl! Dort Eoo's kleines Mahagonitischchen, darauf lag der halbfertige kleine Strumpf! Am Kamin stand Okki's braungemaltes Wiegenpferd und machte ein schweigendes finstres Gesicht! und im Spiegel sah Jemand, mir gegen?ber, herein -- der Ich war, und der wunderliche Geist sah mich selber an und ?ffte mich still. O Unerforschlichkeit des Stillebens! des Scheidens! -- Ich schied.

Wer nun die Scenen dieses grossen Naturschauspiels beschreiben k?nnte, der muss es nicht gesehen haben! Denn wer es erlebt hat, der konnt' es nicht fassen, nicht ?berschauen, vor Gr?sse, vor Schrecken, vor eigenem Jammer oder vor Mitleid; wie Jemand die Schlacht nicht, bei der er in Reih und Glied gek?mpft.

So zogen wir hin! Und als der Weg ausging; als die Laschen und Mahle an den St?mmen sich auch verloren; als der Bach eine Wendung machte, war der Hund unser Wegweiser auf der F?hrte des Wildes, und wir Menschen nahmen sie an. Es war ein tiefes Schweigen im Walde, und nur aus der Ferne h?rten wir zu Zeiten einen verhallenden Schall von Fliehenden, die sich anriefen, um sich nicht zu verlieren im Nebel des Rauches.

So zogen wir bis an den Abend. Eoo breitete nun T?cher, hing T?cher ?ber Zweige, und unsere H?tte war fertig. Wir assen, wir schliefen, oder glaubten zu schlafen, wir wachten -- und glaubten zu tr?umen, so verworren war unser Bewusstsein. Furcht jagte vielleicht uns schon in der Nacht auf, denn durch den Nebel brach ein sanfter Feuerschein und Glanz, wie wenn man im Flusse unter dem Wasser die Augen aufthut, wenn brennendes Abendroth auf ihm liegt. Nur oben rauscht' es leis in den Wipfeln; drunten war schauernde Stille.

Wir fanden die Felsengrotte, die wir schon auf der Heimreise als Gasthaus benutzt. Eoo bettete das Kind weich auf Laub und T?cher, wies den m?den Hund bei ihm an, zu wachen, der sich ihm zu F?ssen legte; Esel, Mutter und Sohn, mit Klingeln um den Hals und dem Rufe gehorchend, weideten indess zum d?rftigen Abendbrot, und wir stiegen zum Felsengipfel.

Welch ein Blick in das Land umher, so weit das Auge trug! Heftiger Unterwind herrschte; uns gegen?ber am ganzen Horizont hatte er eine Rauchwand aufgeth?rmt, riesengross, schwarz wie die Nacht! Ein breiter Strich des Himmels war offen. Aus der schweren Decke, die ?ber unsrer Heimath lag, fuhren Blitze wie geschleuderte Feuerschlangen empor. Denn die W?lder darunter brannten. Und wie aus dem Becher des Vesuvs in der Nacht nur eine schmale Flammens?ule und Feuergarbe emporloht, so schlug hier eine feurige blendende Flammengischt, breit von S?d bis West, aus dem ganzen Lande in den Aether hinauf und stand, in der Ferne schweigend und unbewegt, wie ein g?ttlicher Nordschein. Aber ?ber den n?heren W?ldern bewegte der Sturm die wallenden Flammen wie Saten der H?lle, und sie wogten wie Wogen des Meeres.

Unser verlorenes Dorf war dahin, und die andern mit ihm. Das Fernrohr that keine Dienste, durch dazwischen schwebenden Dampf und Qualm vernebelt.

>>Sollt' ich noch wagen, dahin zu eilen, die Tochter zu holen, zu retten?<< getraut' ich mich zu sprechen.

>>Sehen sie nicht dort die Gefahr? wie wir unsere sahen?<<

-- Wird sie uns nicht verzweifeln? -- frug Eoo.

>>Wird der alte Mann von den Seinen verlassen sein, wie die unsern uns flohen? Er war so gut! Sie waren so treu.<< --

-- Alaska wird ihn nicht verlassen! so kommen sie Beide um! --

>>Lebt nicht Gott da dr?ben und waltet und rettet, wie er hier lebt und gerettet?<<

O wohl! o gewiss! sprach sie; aber soll ich nicht retten, nicht eilen, nicht wissen! Ach, davon spricht er die Mutter nicht frei! Ich soll mir die Tochterliebe verdienen -- nicht schmachvoll sie tragen!

>>So wollen wir umkommen? und Okki?<< frug ich Eoo.

Sie sah zur Erde mit finstrem Gesicht. Der Wind riss in den Wurzeln verbrannte, gel?ste B?ume im Thale auf einmal zu zwanzig, zu hunderten um. Sie krachten am Boden, sich wild in einander zerschlagend. Qualm stieg auf. Es leuchtete wieder. Dann brach das Gekrach als Nachhall in den Schluchten der Berge erst los! -- Andere Sturze! Neuer Donner, Qualm und Funkenspr?hen -- und neuer Nachdonner umher bis hinaus. -- Furchtbare Schlacht der Natur mit sich selbst. --

Eoo h?rte das unerschrocken, doch d?sterer als zuvor. Ein unaussprechliches L?cheln, und in dem L?cheln ein heiliges himmlisches Lieben sprach aus ihr in mich! Sie zog sanft ihre Augenlieder ?ber ihre Augensterne, und so stand das sch?ne sehns?chtige Antlitz hin?ber nach ihrer Tochter gewandt. Ja sie schien mit dahin gerichtetem Ohre zu horchen: >>ob sie ihr rufe?<< Sie hielt die Hand halb erhoben und abgewendet von sich, mir Schweigen anzudeuten, als h?re sie wirklich das h?lflose Kind, und nicht das Fl?stern der eigenen Angst um sie.

Sie sehnte sich, zu ruhen. Als wir zur H?hle gekommen, war es, als habe sie ihren Okki verloren gehabt und nun wiedergefunden, so freudig erschreckt von seinem Anblick, kniete sie zu ihm und k?sste ihn munter und h?rte ihn reden und dr?ckte ihn an sich und zog mich mit in des Kindes und ihre Umarmung. Das verstand ich nicht!

Noch im Finstern, als ich glaubte, sie schlafe schon lange, dr?ckte sie mir noch von Zeit zu Zeit die Hand, leis und leiser. Ich f?hlt' es noch, schlafend.

-- Am Morgen war sie verschwunden.

Und sie, die durch mich in Eoo's Herzen gestockt -- wie brach sie nun aus! O was litt' ich! Ich war in keinem brennenden Walde mehr -- mir brannte die th?richte Schuld im Busen.

Ich war sp?t erwacht -- Eoo war schon weit! doch sie war nicht allein, der treue Hund begleitete sie. Mir fehlte kaum eine Hand voll Lebensmittel. Okki begehrte nach der Mutter. >>Sie holt Deine Schwester,<< sagt' ich ihm l?chelnd, ihn herzend und k?ssend -- weinen durft' ich ja nicht -- und das machte ihn l?cheln und in die H?nde klopfen!

Doch auch der Wunsch war nun vergebens. Sollt' ich hier harren, bis uns die Lebensmittel ausgegangen? wo selbst keine Beere im Walde mehr zu finden war? Und dennoch h?uften sich in der Nacht die wilden Thiere im ver?deten Walde. Ihr Geheul verrieth noch Angst; die M?chtigen schonten der Kleinen, Rehe liefen unverfolgt von W?lfen, der Albatros flog vor dem Adler sicher. Aber das musste bald anders werden und schrecklich! Auch f?r uns! Beim ersten D?mmer des Tagscheines brach ich denn auf und richtete mich nach dem Compass, um den grossen Strom, den Cataragui, bald zu erreichen.

Ein beschwerlicher Weg! eine fast hoffnungslose Flucht! Kleine B?che von Theer und Harz, halberstarrt, waren hier; H?gel von Asche, vom Winde zusammen gewirbelt. Feuchte, quellige Stellen dampften noch. Nur aus Felsenadern ein frischer Trunk. Brach ein Sonnenblick durch die wie niederhangende Wolkendecke, und sah ich unsern Schatten an der Erde hinziehen -- dann konnt' ich weinen. Da verschwand er wieder, aber die Thr?nen blieben stehen im Auge.

Endlich gelangt' ich in frischen Wald von Weimuths- und Pechkiefern und Sprusselfichten, voll zahlloser grosser Heuschrecken und Schmetterlinge. Es zirpte und schwirrte wunderlich und flirrte, wie Schnee flirrt. Ich h?rte das an; es war unerforschlich, geisterhaft und verschwand nicht und h?rte nicht auf! Ich zog wie im Schattenreich. Noch zwei Stunden, unheimlich -- ich m?chte sagen unweltisch, wie ich nie gelebt -- und wir waren auf einer baumleeren Savanne. Ein raschelndes Grasmeer voll bl?hender, aber gewelkter Pflanzen in weiten Waldufern, und hin und her nur Geb?schgruppen, die wie kleine Fahrzeuge darauf zu schweben schienen. Aus einer betr?chtlich grossen Vertiefung sah ich Rauch aufsteigen; der Wind f?hrte mir Laute aus Ges?ngen zu. Da waren Menschen! Ich eilte. Aber erst mit Anbruch der Nacht erreicht' ich Erm?deter ihren Rettungsort.

Ich glaubte Fl?chtlinge aus den Kirchspielen und den verlorenen D?rfern zu finden, und, sonderbar hier, ich sah eine weisse Friedensfahne auf einem der ersten B?ume ausgesteckt! Sie war im Glanze der Feuer sichtbar. Alles schwieg.

>>Ich beobachte den Wind!<< sagte der ziemlich bejahrte Mann mir erkl?rend. >>Denn jene Indianer haben ihre Rechnung geschlossen, und schlafen in Frieden, das Haupt vertrauend auf die m?tterliche Erde gelegt. Sehen Sie da den letzten Rest des ganzen Volkes der Algonkinen!<< --

Schauer ?berlief mich. --

-- Ich dachte nur an Eoo's Vater, an ihre Schwester! --

Er seufzte, sein eigenes Schicksal bedenkend.

Und ich tr?stete ihn: Das ist das Heilig-Anschauernde jeder Blume, jeder Pflanze, die so hergebracht in die Gegenwart hineinbl?hen, so einzig, so wichtig, als Ahnen der Zuk?nftigen, als Tr?ger der Zeit, nur sie selbst -- und so schutzlos, so schutzbed?rftig und doch so kindlich unbesorgt. Und mit Recht.

>>Unser Schicksal treibt mich, das bald zu glauben!<< sprach er. Indess -- wenn mich Etwas tr?stet, so ist es die untr?gliche Berechnung, dass in ganz Amerika nicht viele Ureinwohner gelebt -- dass also nicht schon so viele umgekommen! >>Wie viel Hirsche stehen auf der Quadratmeile? das ist die Basis zu dem Exempel, wie viel hier jemals Wilde gehaust, denn das heisst ja nur -- J?ger.<<

>>Kann ich Ihnen dienen,<< sprach er da freundlich, >>mit Allem, was wir haben -- und wir haben Alles, was wir immer haben, jetzt in Ueberfluss, so kommen Sie zu dem Wigwam, diesmal von Schilf. Ach, das sch?ne Paris!<<

Ich band den Esel an den Baum; Monsieur d'Issaly half mir, ihm d?rftiges Futter hinzutragen. Dann nahm ich mein Kind, und wir traten in den herzbeklemmenden stillen Kreis.

Wir stiegen in eine Vertiefung hinein, offenbar in den untersten Kessel eines von Sommerhitze ausgetrockneten m?ssigen Sees. Der Ort war weislich gew?hlt, sch?tzte vor Wind und Rauch und erlaubte, gefahrlos Feuer anzuz?nden. Wir mussten an dem grossen hellen Nachtfeuer, das in der Mitte brannte, vor?ber. Ich stand einen Augenblick.

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