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Read Ebook: Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte by Geissler Max

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Ebook has 1840 lines and 57449 words, and 37 pages

Wie die dreie eine Weile geschwiegen, gingen der Zachenhesselhans und der Peter zum Hachtl und zum Wurzltonl. Die hausten mit ihren Frauen und ihren Kindern in der andern H?tte am Sonnenwirbel. Nun wussten die Waldleute miteinander: wir haben eine Leiche und am Freitag ist der Grabgang.

Darauf glomm sich der Zachenhesselhans die Pfeife an und schritt kreuz und quer den Waldhang hinab. Der Wiesensteig durch das borstige Gras ist glitschig; da kann einer im Rauhnebel nicht zu Tale. Auf dem Nadelgrund des Bergwalds ist leichter schreiten.

Wie der Alte ins Zechenh?usl trat, lief der Tag hinter ihm drein und der Wind warf einen Haufen moderduftigen Nebel nach. Der kroch in den Flur, der kroch in die Stube.

Der Zachenhesselhans ritzt ein Z?ndholz an der Lederhose an und legt Feuer in den Kachelofen. Das Reisig knackt. Eine Weile kniet der Alte vor dem Ofenloch; dann wirft er eine Wurzel in den Brand und noch eine. Er geht vor die T?r, wo der Wind den Wasserstrahl vom R?hrbronnen reisst, und sch?pft. Er setzt den Topf in den Ofen und geht in den Stall, die Kuh zu besorgen. Die brummt, als sie den Hans erschaut.

>>Du, heut kommt ein andrer zum melken, Scheck, die Mali ist uns verstorben. Und wir zweibeide werden nimmer lang mitsammen hausen.<<

Wie der Zachenhesselhans so redet und der rotweissen Kuh das Heu in die Raufe wirft, zittert ihm die Stimme.

>>'s ist fei anders worden ?bernacht. Vielleicht, dass sie Dich beim Hachtl auf dem Sonnenwirbel brauchen k?nnen.<<

Dann schwenkt der alte Mann am R?hrtrog den Melkk?bel aus, der draussen auf ein Zaunl?ttlein gest?lpt ist, setzt sich unter die Kuh auf den Schemel und die weissen Milchbr?nnlein zischen in die Gelte.

>>Wenn die Mali erschaut, dass sie Dich aus dem Zechenh?usl treiben, tut ihr meiner Seel noch einmal das Herz weh. Aber dies Leid m?ssen wir ihr fei antun, der Mali, Scheck! Wir zwei -- das t?t eh kein gut.<<

Der Zachenhesselhans schob das T?rlein empor, durch das die H?hner schreiten. Die lauerten schon lange vor dem verschlossenen Pf?rtlein; denn durch das Fenster ?ber der Stallt?re schaute der lichte Tag.

Im Hausgang spann der Nebel, spann um die unteren Stiegen, kroch aber nicht die Treppe hinan -- weil ein Toter droben ist?

Der Zachenhesselhans schloss die Stubent?r hinter sich und brach Brot in die Milch, zum Fr?hs?pplein. W?hrend er den L?ffel am Sch?sselrand abstrich, gingen seine Augen hinaus in den Nebel. Die Bergfichten schwankten, und die Wipfel quirlten in dem triefenden Grau. Alle Gipfel waren verh?ngt. Der alte Mann fand keinen Weg in die Weite.

>>Daheimbleiben, Zachenhesselhans,<< sagte er, >>daheimbleiben! Was Du zu sorgen hast, ist im Zechenh?usl. Wird eh wieder ein Sonnenstrahl kommen? Wohl, wohl. Aber bis in die Tage der Sonne ist ein langer stiller Weg.<<

Dann wischte der Alte den Blechl?ffel am Joppenzipfel sauber und hing ihn in den Einschnitt am Zinnbrett. Er schwenkte das braune Sch?sslein am Brunnentrog und st?rzt' es auf den Ofen, damit's ablaufe. Dann stieg er die Holztreppe empor.

Da liegt die Mali auf dem Stroh wie vorhin, und der Tag streichelt ihr mit der kalten Hand die bleiche Stirn.

An der anderen Giebelwand, an der auch die alte Harfe lehnt, die die Mali in ihren jungen Jahren gezupft hat, weil sie mit den Ihrigen landfahrend war, steht der Sarg. Es ist allerhand Holz und sind mancherlei Abf?lle darum- und dar?bergestapelt.

Der Zachenhesselhans tr?gt alles beiseit -- leise, leise; denn die Mali schl?ft. Mit dem Gansfl?gel streicht er den Staub zusammen und die Spinnweben, die das Leben um den Sargdeckel gewoben. Dann tr?gt er den Deckel und hernach das Sargbette die Holzstiege hinab, richtet den S?gebock und den andern, auf dem er des Winters den Hafer ausschl?gt, und stellt den Sarg darauf. Hier soll die Mali liegen die drei Tage. Und er tut ihr das schwarze Feierkleid an und nimmt die tote Frau in die Arme. Er tr?gt sie die Stiege hinab und bettet sie.

>>Nun ist Ruh',<< sagt' er, wie er sie hingelegt hat, >>nun will ich Dir den Schlaf nimmer st?ren, Mali.<<

Und er faltet ihr die H?nde ?ber den Schoss und geht hinaus, bricht gr?nes Fichtenreis einen Armvoll und breitet's um die Tote.

>>'s ist die letzte Lieb', die ich Dir tun kann, Weiberl, fei die letzte,<< sagt er und dr?ckt der Toten die stillen kalten H?nde. Und wie der Zachenhesselhans die harzduftigen Reiser um sie legt, fallen seine Tr?nen in das frische Gr?n. --

Am Freitag klang von St. Joachimsthal herauf das Sterbegl?cklein. Das gab dem stillen Zuge das Geleite durch den Wald. Wie sie ?ber die Pfarrwiese schritten, setzten sie den Sarg ab und hinter dem Forsth?uslein noch einmal. In den Wipfeln rauschte der Fr?hlingssturm; der Fr?hlingssturm sang um das Grab, und der Fr?hlingsregen spr?hte hinein.

So haben sie die Mali aus dem Zechenh?usl begraben.

Nun war der Zachenhesselhans allein mit sich und seiner Einsamkeit.

Die rotweisse Kuh trieb der Hachtl am selben Abend in das Sonnenwirbelhaus.

>>'s wird Dir eh schwer werden, Dich von dem Vieh zu trennen,<< sagte die Resl, die mit dem Helari von der >Unruh< herabkam, als der Tag in den Wipfeln ausl?schte. Die beiden waren dem Hachtl beim Auftrieb zum Sonnenwirbel begegnet. Die Resl tat eine Handvoll Reiser in den Brand und der Zachenhesselhans nahm aus dem Wandschr?nklein einen Trunkelbeerschnaps.

>>M?gt's einen?<< fragte er.

>>Gib her einen!<< sagte der Helari und tat einen Zug. Der Alte steckte das Tranl?mplein an. Aus den Kacheln spann wohlige W?rme.

>>Seid alle Weil mitsammen im Zechenh?usl gewesen,<< meinte die Resl.

>>An vierzig Jahr.<<

>>So geht die Zeit! Da ist mein Vater selig noch angefahren.<<

>>Wohl, wohl. Und dann war's mit dem Bergbau zu End'. Aus den vierhundert Bergleuten wurden vierzig, aus den vierzig vier, -- und dann hat das Kl?ppeln angefangen und das Landfahren der M?nner. Sind alle heimatlos worden! Damals ist der Zachenhesselhans gekommen und hat die Mali gefunden. Das ist fei nix, hab ich gesagt, Mali, wir bleiben daheim und schaffen im Wald; ich geh pechen oder meilern, und Schw?mme und Beeren und Holz hat der Wald f?r uns zwei genug. Da haben wir uns das Zechenh?usl erstanden, weil's ja doch verfallen w?r so mitten im Wald, wenn kein Schichtgl?ckl mehr ruft, und sind mitsammengangen vierzig Jahr. Aus dem Hans G?nther vom Zechenh?usl ist der Zachenhesselhans worden und aus der Zachenhesselmali ein totes Weib. Gott geb Dir ruhsamen Schlaf, Weiberl! Am Ende find't einer Deinen Weg auch bald.<<

Der Zachenhesselhans goss einen neuen >Beisser< ins Kelchlein, und der Helari trank ihn. Dann sch?ttelte er sich bis ins Herz hinein.

>>So einer h?lt warm,<< meint' er. --

Als der Alte vom Zechenhaus am andern Morgen aus der T?re trat, rann vom Bornst?nder ein silberner Strahl gleichm?ssig in den Trog. Wenn das Wasser so im Gleichmass f?llt, ist der Bergwind in den Wald gelaufen und verschl?ft sich. Die Fichtenwipfel schwangen ganz leise und die Nebel hingen tr?ge darin. War auch ein sanftes Zirpen im Ge?st.

Der Zachenhesselhans, wie er das vernahm, spitzte die Ohren und ging ein St?ck hin?ber in die Fichten. Da war das Zirpen wieder, in allen B?umen war's. Der Hans tat die Hand vom Ohr und sagte:

>>Nun hat einer keinen Leim im Haus! Wart ein bissl -- den werden wir gleich haben.<<

Er ging eilig zur?ck in die H?tte.

>>Ein Flug M?rzenzeisige ist am Sonnenwirbel ein rar Ding; aber gut sind sie und dauerhaft; denn sie haben den Bergwinter ?berstanden. So ein Sommerzeisig, der keinen ordentlichen Rauhreif aufs R?ckl gekriegt hat, der ist f?r die andern.<<

W?hrend das Lein?l und das Fichtenharz im Tiegel ?ber den Flammen kochte, trennte der Alte einen Ast vom Vogelbeerbaum hinter dem Zechenhaus, s?uberte den von den Zweigen und tauchte diese in den verk?hlenden Leim aus Harz und Oel. Dann steckte er sie sorgsam von neuem in den Ast.

>>So, damit w?ren wir fertig. Und nun Hansl, jetzt hilf Du,<< sagte der Alte und nahm den spannenlangen K?fig vom Fensterstein. Er spitzte den Mund -- >piep< machte der Vogel.

>>Sch?n, sch?n,<< sagte der Zachenhesselhans, >>sehr gut. Dich setzen wir im K?fig oben ans Aestlein. Siehst Du, soo -- und wie lockst Du?<<

Der Vogel antwortete.

Auf den Zehen schlich der Alte ?ber den Schlag und steckte den Ast in den Waldgrund. Hinter der niederen Fichte, hinter welcher der Wind vor Tagen den Stamm umgelegt hatte, hockte und lockte der Hans. Der Vogel im K?fig antwortete.

>>Gut so,<< und >>brav<<, l?chelt der Mann auf der Lauer und tut sich sein Pfeifl an. Am Ende k?nnt einer sein Morgens?pplein dabei kochen, denkt er.

Und weil der Wald still und nur der Lockruf des Gefangenen h?rbar ist, eilt der Vogelsteller in die H?tte. Milch -- ja so, eine Milch ist nicht mehr im Zechenhaus; denn die Rotscheck steht auf dem Sonnenwirbel. Jetzt -- einen Kaffee haben wir im Waldhaus und auch eine Zichorie. Tut der Hans die Kaffeem?hle vom Wandbrett und hebt an zu mahlen, ein Viertel Kaffee und drei Vierteile Zichorie hinzu. Wie das Wasser im Topf brodelt und ungeb?rdig gegen das St?rzlein schl?gt, denkt der Mann: jetzt ist der ganze Strich Zeisig auf den Leim gegangen! Nun meiner Seel, wo sind denn alleweil so viel K?fige?

So, noch ein Schub siedend Wasser ?ber das Seiht?chlein, aus dem der braune Trank rinnt, und dann hinauf unter das Dach. Da h?ngen sie -- eins, zwei, drei -- neun St?ck. Wird ohnehin nicht nothaben.

Der Zachenhesselhans tut die Gebauer von der Wand und vom Geb?lk und bl?st einmal herzhaft durch jeden hindurch.

Da kommt die Sonne wahrhaftig ?ber den Berg! Dort, wo der Nebel ?ber dem Walde brennt und das goldene Wirbeln und Wogen in der Fr?hluft ist, dort kommt sie. Die Zeisige haben das fr?her gewusst als der Hans und sind darum durch den Bergwald gestrichen der Sonne entgegen. Sieh da, schon einen Haufen Gold wirft sie an das Giebelfenster!

Und so oft der Zachenhesselhans durch die St?blein eines K?figs bl?st, geht eine Wolke Staub heraus: die Mali hat ihr Tag einen Zorn gehabt auf das Vogelstellen, darum hat die Zeit die K?fige eingestaubt.

Unten in der Stube hat der Hans die neun Gebauer auf den braunen Tisch gestellt, probiert die T?rlein und giesst Wasser in die Schalen und gibt K?rner daneben. Ueberdem nimmt er einen Schluck Kaffee und tut auch einen Zug am Pfeiflein. Und jetzt -- die Wohnh?uslein sind bereit, wenn wir nur erst die V?gel h?tten!

Schon auf dem Flur und ?ber die Schwelle der Haust?r geht der Zachenhesselhans auf den Zehen -- als ob uns einer das Vogelstellen lernen m?sste!

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