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Read Ebook: Gegen den Strich by Huysmans J K Joris Karl Capsius M Translator

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Ebook has 855 lines and 41370 words, and 18 pages

Speisen sucht, welche scharf gew?rzt sind, -- die Augen dieser hektischen, ?berreizten Naturen lieben fast alle die krankhaft aufregende Farbe mit t?uschendem Glanze, mit scharfem, unruhigem Wechsel: das Orangegelb.

Die Wahl, welche der Herzog Jean treffen w?rde, liess also kaum Zweifel zu; dennoch aber entstanden neue Schwierigkeiten, denn wenn auch das Rot und Gelb sich bei Lichte gl?nzend bew?hrten, so geschieht das nicht immer bei ihrer Zusammenstellung. Das Orangegelb versch?rft und verwandelt sich oft in Dunkelrot oder gar in Feuerrot.

Bei Kerzenlicht versuchte er alle seine Farbenzusammenstellungen und entdeckte eine, welche gleich zu bleiben und sich nicht den Anforderungen zu entziehen schien, die er an sie stellte. Nachdem diese Vorkehrungen beendet waren, bem?hte er sich, so viel es eben m?glich war, f?r sein Arbeitszimmer die orientalischen Farben und Teppiche zu vermeiden, die prahlend und gew?hnlich geworden sind, seit Parven?s sie sich in den grossen Modemagazinen zu herabgesetzten Preisen leicht verschaffen k?nnen.

Nach reiflicher ?berlegung entschloss er sich dazu, die W?nde wie seine B?cher mit Saffian-Leder mit breitgedr?ckten Narben oder mit satiniertem Kap-Leder bekleiden zu lassen.

Als das Get?fel derartig geschm?ckt war, liess er die Leisten und Gesimse mit dunkler Indigofarbe und einer blauen Lackfarbe bestreichen, so, wie sie die Wagenbauer f?r das ?ussere der Wagen verwenden; und der etwas gew?lbte Plafond, ebenfalls mit Saffian-Leder bezogen, ?ffnete sich wie ein ungeheures rundes Fenster, eingefasst von orangegelbem Leder: ein kreisf?rmiges Himmelszelt von k?nigsblauer Seide, in dessen Mitte silberne Seraphine mit ausgebreiteten Fl?geln schwebten.

Er hatte richtig kalkuliert: Das Get?fel ver?nderte sein Blau nicht, es wurde gehalten und erw?rmt durch das Orangegelb, welches ebenfalls Farbe hielt, unterst?tzt und belebt durch den kr?ftigen Zug der blauen Farben.

Was die M?bel anbetrifft, so hatte Herzog Jean keine allzu grosse M?he, da der einzige Luxus dieses Zimmers nur aus B?chern und seltenen Blumen bestehen sollte; er begn?gte sich damit, an den W?nden B?cher- und Fachschr?nke aus Ebenholz aufzustellen, indem er sich f?r sp?ter vorbehielt, die frei gebliebenen Zwischenr?ume mit einigen Bildern und Zeichnungen zu schm?cken. Dann liess er den get?felten Fussboden mit Fellen von wilden Tieren belegen. In der N?he eines grossen massiven Tisches aus der Mitte des 15. Jahrhunderts standen tiefe Lehnst?hle und ein altes Kirchenpult aus Schmiedeeisen -- eines jener antiken Chorpulte, auf welches ehemals der Diakonus das Chorbuch gelegt, und auf dem jetzt einer der schweren Folianten des ?Glossarium mediae et infimae latinitatis? von dem Gerichtsschreiber du Cange stand.

Die Fenster, mit Scheiben aus bl?ulichen Flaschenb?den von rissigem Schmelz und Goldrand, schnitten die Aussicht auf das Land ab und liessen nur ein ged?mpftes Licht eindringen; sie wurden ausserdem mit Vorh?ngen aus alten Messgew?ndern verh?ngt, deren dunkles, fast rauchiges Gold sich in einem matt rotgelben Gewebe verlor.

Und endlich noch befand sich auf dem Kamine, dessen Bekleidung ebenfalls aus einem prachtvollen florentinischen Messgewand hergestellt war, zwischen zwei Monstranzen aus vergoldetem Kupfer byzantischen Stils, welche der alten Abtei Bois-de-Bievre entnommen waren, eine wunderbar sch?ne Messtafel mit drei getrennten F?chern von ausserordentlicher Zartheit; unter dem Glas ihres Rahmens sah man ferner auf Pergament in entz?ckender Messbuchschrift kopiert und mit kostbarer Ausmalung versehen drei Werke von Baudelaire: zur Rechten und Linken Sonette mit dem Titel >>der Tod der Verliebten<<, >>der Feind<< -- und in der Mitte in Prosa: >>?Any where out of the world?<<.

ZWEITES KAPITEL.

Nach dem Verkauf seiner G?ter nahm Herzog Jean die alten verheirateten Dienstleute zu sich, welche seine Mutter gepflegt und die zu gleicher Zeit dem Amte als Verwalter und Kastellane in Schloss Lourps vorgestanden hatten, das bis zur Feststellung des gerichtlichen Verkaufs unbewohnt und leer geblieben war.

Er liess das Ehepaar nach Fontenay kommen. Sie waren an die Th?tigkeit der Krankenw?rter, an die Regelm?ssigkeit, mit der von Stunde zu Stunde die Arzeneien verabreicht wurden, wie an das starre Schweigen des Klosterslebens gew?hnt. Ohne mit der Aussenwelt im geringsten zu verkehren, verblieben sie stets in geschlossenen Zimmern hinter verschlossenen Fenstern.

Dem Mann wurde die Reinigung der Zimmer und das Einholen ?bertragen, die Frau mit dem Kochen beauftragt. Er ?berliess ihnen den ersten Stock des Hauses, doch mussten sie dicke Filzschuhe tragen. Er liess Windf?nge vor den gut ge?lten Th?ren anbringen und ihre Fussb?den mit dicken Teppichen belegen, so dass er ihre Schritte ?ber seinem Kopfe nicht h?rte.

Er verabredete ebenfalls mit ihnen eine gewisse Art zu klingeln und bestimmte die Bedeutung der einzelnen Klingelzeichen nach ihrer K?rze und L?nge; bezeichnete auf seinem Schreibtisch den Platz, wo sie jeden Monat das Rechnungsbuch hinlegen mussten -- kurz er richtete sich so ein, dass er nicht oft gen?tigt war, sie zu sehen.

Ebensowenig wollte er, da die alte Dienerin manches Mal am Hause vor?ber gehen musste, um aus einem kleinen Schuppen Holz zu holen, dass ihn ihr Schatten st?re, welcher dann durch die Scheiben seiner Fenster fiel. Er liess ihr daher ein besonderes Kost?m aus flandrischer Seide mit weisser M?tze und niedergeschlagener breiter schwarzer Kapuze anfertigen, in der Art, wie sie die Frauen des Beguinenklosters in Gent tragen.

Wenn der Schatten dieser Kopfbedeckung in der D?mmerung an seinen Fenstern vor?berglitt, so gab er ihm das Gef?hl, dass er sich in einem Kloster befinde. Es erinnerte ihn an die stillen frommen D?rfer, die toten und versteckten Stadtviertel einer th?tigen und lebhaften Stadt.

Er regelte und stellte auch die Stunden der Mahlzeiten fest, die ?brigens wenig gew?hlt, vielmehr ?beraus einfach waren, denn die Schw?che seines Magens erlaubte ihm nicht, verschiedene oder schwere Gerichte zu geniessen.

Um f?nf Uhr im Winter, beim Herannahen der Dunkelheit, nahm er ein leichtes Fr?hst?ck ein, welches aus zwei Eiern, kaltem Fleisch und Thee bestand. Um elf Uhr hielt er seine Hauptmahlzeit; manchmal trank er etwas Kaffee, Thee oder Wein w?hrend der Nacht, und gegen f?nf Uhr morgens naschte er wohl noch ein paar leichte Sachen, worauf er sich schlafen legte.

Er nahm diese Mahlzeiten, deren Anordnung und Reihenfolge ein f?r alle Mal zu Anfang jeder Jahreszeit festgesetzt wurde, an einem Tisch in der Mitte eines kleinen Zimmers ein, welches von seinem Arbeitszimmer durch einen ganz mit dickem Stoff ausgeschlagenen Korridor getrennt und ganz hermetisch verschlossen war, so dass weder Geruch noch L?rm in die beiden andern Gem?cher dringen konnte.

Dieses Esszimmer glich einer Schiffskaj?te mit gew?lbtem Plafond, im Halbkreis mit Balken, W?nden und Fussb?den aus hellem Fichtenholz versehen, mit dem kleinen, runden, ins Holz eingelassenen Fenster, das der Luft?ffnung an den Seiten eines Schiffes nicht un?hnlich war.

Gleich japanischen Schachteln, von denen die eine immer in die andere hineinpasst, war dieser Raum vom Architekten in einen gr?sseren eingeschaltet, der als eigentlicher Esssaal erbaut war.

Dieser hatte zwei Fenster, eines unsichtbar durch eine leichte Bretterwand den Blicken entzogen, das aber durch eine Feder nach Wunsch niedergelassen werden konnte, damit frische Luft durch die ?ffnung eindringe, um die Fichtenholzkaj?te cirkuliere und sich hier verbreite. Das andere sichtbare Fenster befand sich grade gegen?ber dem runden Kaj?tenfensterchen in der Holzbekleidung, jedoch zugesetzt durch ein grosses Aquarium, welches den ganzen Raum zwischen dem kleinen runden und dem wirklichen Fenster in der Mauer ausf?llte. Das Tageslicht drang also durch das grosse Fenster, durch das Wasser und schliesslich durch das runde Fenster in die Kaj?te.

Wenn dann der Samowar auf dem Tische dampfte und die Sonne im Herbste unterging, so r?tete sich das Wasser im Aquarium tr?be und gl?sern und warf einen leichtfeurigen Schimmer auf das helle Get?fel.

Nachmittags manchmal, wenn der Herzog Jean zuf?llig wach war und aufstand, setzte er den Betrieb der Wasserr?hren welche das Aquarium leerten, in Bewegung, und liess es sich wieder von neuem mit frischem Wasser f?llen. Indem er dann einige Tropfen farbiger Essenz hineinthat, erzeugte er gr?nliche und gelbliche, milchweisse oder silberne F?rbungen, wie die nat?rlichen Gew?sser je nach der Farbe des Himmels, der mehr oder minder starken Glut der Sonne, oder des nahenden Regens erscheinen, mit einem Wort: wie es die Jahreszeit der Atmosph?re verursacht.

Er bildete sich dann ein, in dem Zwischendeck einer Brigg zu sein; und neugierig betrachtete er wunderbar gearbeitete Fische, die, aufgezogen durch ein Uhrwerk, vor der Scheibe des runden Kaj?tenfensters vorbeischwammen und in dem k?nstlichen Gras h?ngen blieben. Oder er betrachtete, w?hrend er den Theergeruch einsog, mit dem man den Raum besprengt hatte, bevor er ihn betrat, die an den W?nden aufgeh?ngten farbigen Stiche, welche -- wie in den Agenturen der Schiffahrtsgesellschaften -- Dampfschiffe auf dem Weg nach Valparaiso oder La Plata vorstellten. Oder er besah die eingerahmten Tabellen, auf welchen die Reiseroute der Linie der Postdampfer der Compagnieen Lopez und Val?ry, die Frachtgelder, die H?fen des Postdienstes im Atlantischen Meer verzeichnet waren.

Dann, wenn er m?de war diese Fahrpl?ne zu Rate zu ziehen, liess er seine Blicke ?ber die Chronometer und Kompasse schweifen, ?ber die Winkelmesser und Zirkel, die Fernrohre und Karten, die zerstreut auf dem Tisch lagen, auf dem sonst nur ein einziges Buch aufgestellt war, gebunden in Seehundsleder: Arthur Gordon Pyms Abenteuer, welches besonders f?r ihn auf streifiges Papier reinster Faser gedruckt war, jedes Blatt sorgf?ltig ausgesucht und mit einer Schwalbe im Wasserzeichen.

Da waren ausserdem Fischereiger?te, durch Lehm gezogene Netze, aufgerollte braune Segel, ein kleiner schwarz gestrichener Anker aus Kork, zu einem Haufen nahe der Th?r vereinigt, welche durch einen kleinen ausgepolsterten Flur in die K?che f?hrte, und der ebenso wie der Korridor den Esssaal mit dem Arbeitszimmer verband, um die Ger?che und den L?rm aufzusaugen.

Auf diese Art verschaffte er sich ohne grosse M?he sofort die augenscheinlichsten Eindr?cke einer Seereise. Besteht doch das Vergn?gen der Abwechslung im Grunde genommen einzig in der Erinnerung und fast niemals in der Gegenwart, in dem Augenblicke selbst. Er kostete sonach diese Abwechslung in vollen Z?gen, mit aller Bequemlichkeit, ohne jede Anstrengung und ohne die sonst unvermeidlichen Verdriesslichkeiten in dieser erdachten Kaj?te.

Bewegung schien ihm zudem ?berfl?ssig, da ihm die Einbildung leicht die gewohnte Wirklichkeit des Lebens zu ersetzen vermochte.

Nach seiner Ansicht war es n?mlich m?glich, sich die W?nsche, die f?r die schwierigsten gelten, im normalen Leben k?nstlich selbst zu befriedigen und dies mittels T?uschung durch eine genaue F?lschung der erw?nschten Gegenst?nde zu thun. Ist es doch klar, dass jeder Feinschmecker heutigen Tages entz?ckt ist, wenn er in einem wegen der Vortrefflichkeit seines Kellers ber?hmten Restaurant die teuren Weine schl?rft, welche nach Pasteurs Methode aus leichten billigen Weinen hergestellt sind. Falsch oder echt, diese Weine haben ganz dasselbe Aroma, dieselbe Farbe, dieselbe Blume, und verursachen also auch dasselbe Vergn?gen, das man beim Kosten und Geniessen echter und reiner Weine empfindet, die infolge starker Nachfrage schliesslich f?r Gold kaum aufzutreiben sein m?chten.

Es unterliegt nach alledem keinem Zweifel, dass sich diese berauschende Abweichung, diese geschickte L?ge und T?uschung des Geistes in die Welt des realen Verstandes ?bertragen lassen, und dass man mithin ebenso leicht wie in der materiellen Welt eingebildete Wonnen geniessen kann, die fast in allen Punkten den wirklichen gleichen. Kein Zweifel zum Beispiel, dass man im Notfall dem st?rrisch langsamen Geiste nachhelfen, beim Lesen einer fesselnd geschriebenen Reisebeschreibung ruhig am Kamin verweilen und sich erfolgreich angenehmen Forschungen hingeben kann. Wie man sich auch -- ohne Paris zu verlassen -- das wohlthuende Gef?hl eines Seebades suggerieren kann, da es ja gen?gt, sich nach Vigier zu begeben, dessen B?der mitten in der Seine liegen.

Wenn man dort das Wasser der Wanne salzen l?sst und nach der Vorschrift des Arzeneibuches schwefelsaures Sodasalz und Magnesia hinzuf?gt und ein kleines Ende Kabeltau aus einer Seilerei mitnimmt und dann den Duft, welchen dieses Tau noch bewahrt hat, einsaugt und dabei eifrig Joanne's Handbuch liest, welches die Sch?nheiten des Strandes, an dem man sein m?chte, beschreibt; und wenn man sich dann schliesslich noch leise von den Wellen schaukeln l?sst, welche die Dampfschiffe, die an der schwimmenden Badeanstalt vorbeifahren, in der Badezelle aufwerfen, wenn man das ?chzen des Windes h?rt, der sich unter den Br?cken f?ngt, und dem dumpfen L?rm der Omnibusse lauscht, die wenige Schritte weiter ?ber Pont-Royal hinwegrollen -- ist da nicht die Illusion des Meeres unleugbar da?

Es handelt sich eben nur darum, seinen Geist auf einen bestimmten Punkt zu richten.

Da ist nicht eine ihrer Erfindungen, m?ge sie f?r noch so feinsinnig oder noch so grossartig gelten, die das Genie des Menschen nicht zu schaffen imstande w?re! Da ist kein Wald von Fontainebleau, kein Mondschein, welchen nicht eine von elektrischem Licht ?berflutete Dekoration hervorzuzaubern verm?chte; kein Wasserfall, welchen die Wasserleitungskunst nicht t?uschend nachahmen k?nnte, kein Felsen, der nicht durch Papiermach? herzustellen w?re, keine Blume, die nicht durch besonderen Taffet und zart bemaltes Papier genau so wiedergegeben werden k?nnte!

Unzweifelhaft hat diese uralte Schw?tzerin Natur die gutm?tige Bewunderung der wirklichen K?nstler ersch?pft, und der Augenblick ist gekommen, sie verbessert zu ersetzen, so weit es sich eben durch die Kunst erm?glichen l?sst.

Die eine, die Crampton, eine entz?ckende Blondine, mit scharfer Stimme, von hohem, schlankem Wuchs, eingeschn?rt in ein gl?nzendes Kupferkorsett, geschmeidig -- nerv?s wie eine Katze -- eine schmucke goldige Blondine, deren aussergew?hnliche Anmut nahezu erschreckt, wenn sie ihre Stahlmuskeln steift und den Schweiss ihrer warmen Schenkel dadurch erh?ht, dass sie die ungeheure Rosette ihres zarten Rades in Bewegung setzt und wie rasend an der Spitze des Schnellzuges vorw?rts st?rmt!

Die andere, die Engerth, eine monumentale, dunkle Br?nette mit dumpfen rauhen T?nen, mit st?mmigen Lenden, eingepresst in ihren gusseisernen Panzer, ein unf?rmiges Wesen mit wilder M?hne schwarzen Rauches und mit sechs niedrigen gepaarten R?dern; welche erdr?ckende Macht, wenn sie die Erde erzittern macht und plump und langsam den schweren G?terzug hinter sich drein schleppt!

Sicherlich giebt es unter den zarten blonden und den majest?tischen br?netten Sch?nheiten keine derartigen Typen zarter Schlankheit und erschreckender Kraft; auch kann man mit Recht sagen: der Mensch hat, in seiner Art, ebenso Gutes geschaffen wie Gott. --

Diese Betrachtungen kamen des Esseintes, wenn ihm der Wind das sanfte Pfeifen der kleinen Eisenbahn zutrug, welche sich wie ein Kreisel zwischen Paris und Sceaux hin und her bewegt.

Sein Haus war ungef?hr zwanzig Minuten von der Station Fontenay entfernt; aber die H?he, auf welcher es stand, und seine einsame Lage liessen nicht den L?rm des gemeinen Lebens bis zu ihm dringen.

Das Dorf selbst kannte er kaum. Durch seine Fenster hatte er eines Nachts die stille Landschaft betrachtet, die sich vor ihm ausbreitete und hinunterzog bis zum Fuss des H?gels, auf dessen Spitze die Batterieen des Geh?lzes von Verri?res aufgepflanzt sind.

In der Dunkelheit rechts und links stiegen verworrene Massen stufenweise auf, in der Ferne von anderen Batterieen und anderen Forts ?berragt, deren hohe B?schungen im Mondlicht wie in Wasserfarben mit schimmerndem Silber auf dunklem Himmelsgrund gemalt erschienen.

Zusammengeschrumpft im Schatten der H?gel erschien die Ebene in der Mitte wie mit Mehl bestreut und mit weissem Cold-cream bestrichen. In der warmen Luft, die leise die farblosen Gr?ser f?chelte und w?rzigen Duft verbreitete, sch?ttelten die wie mit Kreide ?bert?nchten B?ume im Mondlicht ihr fahles Laubwerk und vergr?sserten ihre St?mme, deren Schatten den Gipsboden mit schwarzen Streifen furchten, auf dem die Kieselsteine wie Tellerscherben gl?nzten. Ihres verk?nstelt geschminkten Aussehens wegen missfiel dem Herzog Jean diese Landschaft nicht. Seit dem Nachmittag, den er auf der Suche nach dem Hause im D?rfchen von Fontenay zugebracht hatte, war er niemals mehr am Tage den Weg gegangen. Das gr?ne Laub dieser Gegend fl?sste ihm ausserdem kein Interesse ein, bot es doch nicht einmal den zarten melancholischen Reiz dar, welcher der oft r?hrend kr?nklichen Vegetation entstr?mt, die notd?rftig zwischen dem Schutt des Weichbildes nahe den W?llen hervorschiesst.

?berdies waren ihm an jenem Nachmittage im D?rfchen einige dickb?uchige Einwohner mit Backenb?rten und Leute in Gehr?cken mit Schnurrb?rten begegnet -- K?pfe, die ohne Zweifel der Obrigkeit oder dem Milit?r angeh?rten; und seit dieser Begegnung hatte sein Widerwille gegen jedes menschliche Gesicht noch mehr zugenommen.

W?hrend der letzten Monate seines Aufenthaltes in Paris, als er alles ?berwunden hatte, emp?rt durch die allgemeine Heuchelei und vom Weltschmerz niedergedr?ckt, war die ?berreiztheit seiner Nerven derartig gestiegen, dass sich der Anblick mancher Gegenst?nde oder Wesen seinem Gehirne so tief einpr?gte, dass es mehrerer Tage bedurfte, um nur die Spuren davon zu verwischen. Unangenehme Gesichter, die sein Blick auf der Strasse streifte, waren ihm zur wahren Qual geworden.

So litt er entschieden beim Anblick gewisser Physiognomieen, deren hausbackener unfreundlicher Typus ihm wie eine Beleidigung erschienen; es wandelte ihn eine wahre Lust an, diejenigen zu ohrfeigen, welche da langsamen Schrittes mit gelehrter Miene und gesenkten Augen ?ber die Strasse gingen, wie auch jene, die sich in den H?ften wiegen und sich gar wohlgef?llig in Spiegelscheiben zul?cheln, oder jene anderen wieder, die eine ganze Welt von Gedanken zu bew?ltigen scheinen, indem sie mit der wichtigsten Miene den albernsten Klatsch und den haarstr?ubendsten Bl?dsinn der Tagesbl?tter verschlingen und einfach wiederk?uen.

Er witterte bei allen eine so eingewurzelte Dummheit, einen solchen Abscheu gegen seine eigenen Ideen, eine solche Verachtung der Litteratur, der Kunst, kurz, was er verehrte, als w?re es ihnen erblich angeboren oder in ihre beschr?nkten Kr?merseelen eingeankert, die, schliesslich nur auf Gaunerei und Geld erpicht, wie alle unbedeutenden und schwachen Geister, nur f?r niedrige Zerstreuungen der gemeinen Politik eingenommen sind, so dass er w?tend nach Hause ging, um sich mit seinen B?chern einzuschliessen.

Kurz, er hasste mit ganzer Kraft die neuen Generationen, diese Vertreter moderner Flegelei, die das Bed?rfnis haben, ?berall in den Speises?len und Kaffeeh?usern laut zu schreien und unversch?mt zu lachen, die uns auf der Strasse w?st anrennen, ohne um Verzeihung zu bitten, oder einem auch wohl einen Kinderwagen zwischen die Beine schieben, ohne sich zu entschuldigen oder kaum den Hut zu l?ften.

DRITTES KAPITEL.

Ein Teil der B?chergestelle, die an den W?nden seines orangegelben und blauen Arbeitszimmers aufgestellt waren, enthielten ausschliesslich lateinische Werke; doch nur solcher Autoren, die von den in der Sorbonne gedrillten Fachgelehrten mit dem Sammelnamen >>Dekadenten<< abgethan werden.

Da ist unter andern der sanfte Virgil, den Schulf?chse gern den Schwan von Mantua nennen, wahrscheinlich darum, weil er nicht in dieser Stadt geboren ist. Virgil kam ihm als einer der schrecklichsten Pedanten und unausstehlich langweiligsten Schw?tzer vor, den jemals das Altertum erzeugt; was waren denn seine so sauber gewaschenen und herausgeputzten Sch?fer, die sich der Reihe nach ganze T?pfe voll gezierter, eiskalter Verse ?ber den Kopf sch?tten? Vergleicht er seinen Orpheus doch mit einer weinenden Nachtigall! Sein Aristeus, der Sohn des Apollo, ist ein jammernder Bienenz?chter, w?hrend sein Aeneas, eine ?beraus verwaschene schm?chtige Pers?nlichkeit, die mit steifen Geb?rden wie ein Schattenbild in dem fadenscheinigen, lose gebundenen und ?ligen Gedichte umherwandelt. Alles dieses brachte ihn nat?rlich ausser sich.

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